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09.02.2026
12:40 Uhr
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Das IOC erwägt, Snowboard-Rennen in Zukunft aus dem Programm zu nehmen. Ikone Ester Ledecka formuliert deutliche Kritik, die Sorge der Athleten ist groß. Aber noch kämpfen sie für ihren Sport.

Es fühlte sich wie der richtige Tag für einen Festakt in Livigno an. Nicht in der Chiesa di Sant’Antonio im Ortskern allerdings, wo zwar die Glocken läuteten, aber die Menschenmassen nicht in die Kirche drängten. Die waren drüben im „Livigno Snow Park“ zu finden. Und sie waren bunt und sie waren laut: Flaggen aus Bulgarien, Südkorea, Slowenien, Österreich und Deutschland konnte man sehen. Und natürlich aus Tschechien, dem Land der Olympiasiegerin von 2022.
Ester Ledecka auf dem Snowboard zu sehen, ist für Tschechen dasselbe wie für Schweizer, Marco Odermatt auf Ski zu sehen. Einen nationalen Heldenstatus hatte sie in ihrer Heimat bereits vor den Olympischen Spielen 2018, als sie ihre erste Goldmedaille im Snowboard PGS, im Parallel Giant Slalom, gewann – und im Super-G, auf Skiern wohlgemerkt. Ledecka ist ein Unikat mit dieser Karrierebilanz, bei aller Liebe zum Skifahren allerdings ist sie vor allem auf dem Board eine Ikone. Eine, der man gerne zusieht. Und auch zuhören sollte.
Der Festakt nämlich, er verlief nicht nur für die große Favoritin am Samstag etwas enttäuschend. Im Viertelfinale schied Ledecka überraschend aus, doch etwas später schob sie für eine kurze Zeit ihren persönlichen Frust zur Seite. Es gibt schließlich ein akutes Thema in der alpinen Snowboard-Gemeinschaft, das nicht weniger als ihre gesamte Existenz bedroht.
„Ich bin sehr traurig darüber, dass sie das überhaupt überlegen“, sagte Ledecka in Richtung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Das IOC hatte bei einer Exekutivsitzung im September 2025 angekündigt, dass der olympische Wettbewerb im alpinen Snowboard „unter Beobachtung“ steht. Im Rahmen der Winterspiele 2026 soll evaluiert werden, ob die alpinen Snowboarder auch 2030 noch einen Platz im olympischen Kreis bekommen sollen. Es geht bei dieser Analyse laut IOC-Angaben unter anderem um internationale Fernsehquoten, um Kostenintensität und darum, ob Alpin-Snowboard noch in die Pläne passt. Die nämlich sehen womöglich einen spektakulären Wandel vor, mit dem Athleten wie Ledecka wenig anfangen können.
„Wenn man lieber ein paar verdammte Videospiele bei den Olympischen Spielen sehen will oder so was in der Art …“, sagte Ledecka am Sonntag entrüstet: „Es tut mir leid, aber Beachvolleyball bei den Olympischen Winterspielen? Ach, komm!“
Sommersportarten im Winter, digitaler Wandel, auch diese Karten liegen beim IOC auf dem Tisch. Das sogenannte „Fit For The Future“-Programm soll die Olympischen Spiele moderner machen. Womöglich aber geht das zulasten der Snowboarder, die seit 1998 in Nagano bei Winterspielen antreten. Im Juni soll eine Entscheidung zum Programm für die kommenden Spiele fallen, bis dahin haben die Athleten noch Zeit für ihre Kampagne.
Der Hashtag „#keepPGSolympic“ ist in der Gemeinschaft schon seit Monaten weit verbreitet, im Hintergrund arbeiten viele Menschen daran, die Entscheidung gegen Alpin-Snowboard noch zu verhindern. Der Österreicher Alex Payer etwa, der als Athletensprecher fungiert, sagte am Freitag bei einer Pressekonferenz, er habe das Gefühl, dass das IOC „Platz schaffen“ wolle. Dafür sei man auch bereit, die Existenz einer ganzen Sportart zu gefährden: „Ein Problem ist, dass viele Entscheidungsträger den Unterschied zwischen Bordercross, Alpin und Freestyle nicht kennen. Ich habe das Gefühl, sie glauben, wenn wir heute nicht Alpin fahren, dann fahren wir morgen in der Halfpipe“, sagte Payer. Die Konsequenz könnte allerdings sein, „dass die Sportart auf professionellem Niveau nicht weitergeführt werden kann. Dies wäre ein großer Rückschlag für die Athleten und quasi der Tod für den alpinen Snowboardsport.“
Auch am Sonntag in Livigno äußerten sich die Medaillengewinner bei den Männern in aller Klarheit. Der Bulgare Terwel Samfirow etwa erklärte, dass die Freestyle-Bewerbe ohne den Alpinsport nicht möglich seien, dass man mit einer Abschaffung also auch „die Basis“ für die Erfolgsgeschichte auf den Schanzen, Rampen und in der Halfpipe gefährden würde: „Jeder Snowboarder beginnt mit dem alpinen Snowboarden. Bevor man springt, muss man carven können.“
Der Österreicher Benjamin Karl gewinnt zum Abschluss seiner Karriere noch einmal Gold, bei den Frauen gewinnt überraschend eine Tschechin. Eine Deutsche ärgert sich „brutal“.
Und Olympiasieger Benjamin Karl verwies auf die aus seiner Sicht besten Argumente, draußen vor dem Zelt, in dem er seine Pressekonferenz abhielt: „Wir haben ihnen heute die beste Show geboten, die man bieten konnte. Es stehen fünf Nationen auf dem Podium, jung wie alt. Wir kosten einfach gar nichts, wir brauchen eine Piste, einen Start, ein Ziel, ein paar Tore.“ Der 40-Jährige wird bei den kommenden Spielen nicht mehr antreten, sollte er allerdings als letzter Olympiasieger seiner Disziplin in die Sportgeschichte eingehen, fände er das „fatal“. Wenngleich Karl nicht daran glaubt: Von einem Gespräch zwischen Vertretern des Weltverbands Fis und des IOC berichtete er, das „sehr positiv“ verlaufen sei. „Zu 99 Prozent dürfen wir bleiben“, sagte Karl in seiner Euphorie.
Die teilt längst nicht jeder. Athletensprecher Payer etwa traf sich am Rande des Wettkampfs ebenfalls mit IOC-Vertretern, wirkte danach allerdings weitaus weniger freudig als sein Landsmann Karl. Der Österreicher versucht derzeit mit geschickter Verbands-Diplomatie, den Worst Case abzuwenden. Und Ledecka, die Board-Ikone?
Sie behielt sich das Recht der Kraftausdrücke vor: „Ich wünschte, die verantwortlichen Personen würden die Menschenmassen sehen und erkennen, wie fucking großartig das Rennen war.“ Ledecka, die auch in Cortina bei der Ski-Abfahrt hätte antreten können, sich aber für Livigno entschied, blickte dabei in die Zuschauermassen. In Richtung der vielen angereisten Tschechen, die gerade auf die Siegerehrung mitsamt ihrer Nationalhymne warteten, Ledeckas Nachfolgerin wurde die 22-jährige Zuzana Maderova. „Auch wenn ich heute verloren habe“, sagte Ledecka: „Ich war glücklich und stolz, heute auf dem Snowboard gestanden zu haben.“ Bei einem womöglich finalen Festakt.
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